Martina Ponier ist Übersetzerin und Dolmetscherin mit über 40 Jahren Erfahrung unter anderem in den Bereichen Geschichte, Militär, Wirtschaft, Recht, Medizin und Pharmazie. Nach Abschluss ihrer Ausbildung arbeitete sie mehrere Jahre für die US-Streitkräfte und US-Unternehmen. Seitdem arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin, setzt ihr Wissen und ihre Erfahrung mit viel Liebe zum Detail ein und ist stolz darauf, seit 2014 Teil von MotaWord zu sein.
Die Übersetzung historischer/antiker oder einfach nur „sehr alter“ Dokumente wie Heirats-, Geburts- oder Sterbeurkunden, Bücher und Briefe/Karten von der Front aus dem Deutschen ins Englische stellt besondere Herausforderungen dar. Diese Herausforderungen ergeben sich nicht nur aus der schlechten Lesbarkeit, sondern auch aus der altmodischen Schrift und Sprache, die in solchen Dokumenten verwendet wird.
In der Antike — wie auch heute — gab es viele kleine Länder innerhalb Deutschlands (z. B. Preußen, Sachsen) und innerhalb dieser anderen kleinen unabhängigen Gebiete. Und jedes dieser Gebiete/Länder hatte seine eigenen sprachlichen und stilistischen Besonderheiten.
Auch wenn in Österreich und der Schweiz Deutsch gesprochen wird, gibt es signifikante Unterschiede – nicht nur im Dialekt, sondern auch in der Bedeutung der Wörter.
Oft macht es keinen Sinn, nur das einzelne Wort zu übersetzen, ohne die tiefere Bedeutung dahinter oder seine Bedeutung zum Zeitpunkt der Erstellung des Dokuments zu kennen.
Das gilt für die guten alten Zeiten, aber auch für die Gegenwart.
Aufgrund all dieser Umstände ist es für einen Übersetzer äußerst vorteilhaft, bestimmte historische Zusammenhänge zu kennen und bestimmte sprachliche Besonderheiten ableiten zu können. Manchmal kann es auch notwendig sein, Bibliotheken zu besuchen, um alte Dokumente zu archivieren, bestimmte alte Bücher und Dokumente im Regal zu haben oder sogar Informationen von verbliebenen Verwandten einzuholen.
Herausforderungen bei der Übersetzung
1. Alte deutsche Schrift
Viele historische Dokumente, insbesondere aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, sind in „Kurrent“ - oder „Sütterlin“ -Schrift verfasst. Diese Schriften unterscheiden sich erheblich von modernen Druck- oder Handschriftstilen und erfordern spezielle Kenntnisse, um sie genau zu entziffern.
2. Veraltete Sprache und Begriffe
Historische Dokumente enthalten oft Begriffe, die heute nicht mehr verwendet werden oder andere Bedeutungen haben. Darüber hinaus weicht die Syntax der Zeit häufig von den modernen Sprachnormen ab.
3. Schlechte Lesbarkeit
Viele dieser Dokumente sind handgeschrieben, was je nach Qualität der Handschrift, Zustand des Papiers oder verblasster Tinte das Lesen erschweren kann.
4. Kulturelle Unterschiede
Historische Dokumente sind oft von regionalen oder kulturellen Besonderheiten geprägt, die sich nicht immer direkt ins Englische übersetzen lassen.
Jeder Übersetzer alter Dokumente steht vor der folgenden Frage: „Wie greife ich auf alte Bücher und Dokumente zu?“ Alte Bücher und Dokumente sind oft wertvolle Quellen für Geschichte, Wissenschaft und Kultur. Hier sind einige Möglichkeiten, auf solche Materialien zuzugreifen:
1. Bibliotheken und Archive
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Staats- und Universitätsbibliotheken: Viele Bibliotheken haben historische Sammlungen oder spezielle Abteilungen für alte Bücher und Manuskripte.
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Öffentliche Archive: Stadt-, Landes- und Bundesarchive bewahren häufig historische Dokumente, Karten oder Akten auf.
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Facharchive: Einige Archive konzentrieren sich auf bestimmte Themen, z. B. Kirchenarchive, Wirtschaftsarchive oder Adelsarchive.
2. Antiquarische Buchhandlungen
- Antiquare verkaufen alte und seltene Bücher. Es gibt sowohl lokale Geschäfte als auch Online-Plattformen.
3. Digitale Bibliotheken
4. Fachhändler und Sammlermärkte
- Veranstaltungen wie Buchmessen oder Sammlermärkte können eine gute Gelegenheit sein, alte Bücher und Dokumente zu erwerben.
5. Museen und Ausstellungen
- Museen zeigen oft historische Dokumente oder Bücher. Einige bieten auch Reproduktionen oder digitale Kopien an.
6. Private Sammlungen und Nachlässe
- Alte Dokumente sind manchmal in Privathaushalten zu finden. Flohmärkte oder Immobilienverkäufe können zu überraschenden Entdeckungen führen.
7. Genealogische oder historische Gesellschaften
- Diese Organisationen verfügen häufig über Sammlungen alter Dokumente, insbesondere für genealogische Forschungen.
Punkt 6 ist der interessanteste und billigste. Als Übersetzer solltest du dich natürlich auch für die gute alte Zeit interessieren und immer auf der Suche nach alten Büchern und Dokumenten sein. Bevor alte Häuser abgerissen werden, sollte man — natürlich nach Rücksprache mit dem Eigentümer — die Treppe hoch und runter gehen, in Dachboden und Keller schauen. Neben viel Müll entdeckt man oft ein oder zwei Gemälde, alte Kisten mit Büchern und persönlichen Dokumenten, Kleidung und Holzspielzeug. Mit etwas Glück können der Hausbesitzer oder seine Nachfahren interessante Geschichten zu den einzelnen Objekten erzählen. Oder ihre ehemaligen Besitzer.
Die Geschichten in den Geschichten
Als Übersetzer muss man sich bestimmten Geschichten und Hintergründen mit viel Fingerspitzengefühl nähern und nicht einfach die Tür aufwerfen. Hinter ihnen liegen Schicksale — nicht immer schöne, aber oft sehr tragische und herzzerreißende. Manchmal steckt auch eine Geschichte hinter der Geschichte. Interessant wird es, wenn aus den Recherchen ein kleiner Krimi entsteht. Und wenn deine Neugier erst einmal geweckt ist, gräbst du immer tiefer. Es ist manchmal sehr aufregend und es gibt Aha-Momente.
Es ist auch von Vorteil, ein gutes Verhältnis zum örtlichen Priester/Kloster zu haben. Dort erfährt man oft viele kleine „Geheimnisse“, die der Öffentlichkeit nicht immer bekannt sind. Entweder wurden sie nie bekannt, weil sie zu der Zeit als „beschämend“ galten oder sie gerieten im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit, weil sich niemand für sie interessierte oder es ihnen einfach nicht gesagt wurde.
Ein Beispiel aus der Kriegs- und Nachkriegszeit: In Kriegs- und Nachkriegszeiten wurde das Muttersein als unverheiratete Mutter zutiefst stigmatisiert und von Kirche und Gesellschaft als moralisches Versagen angesehen. Frauen ohne Partner, oft kriegsbedingt, suchten Zuflucht bei mitfühlenden Nonnen und gebären in Klöstern. Aus Scham ließen einige ihre Neugeborenen vor den Türen des Klosters oder des Pfarrhauses zurück und hofften auf ein besseres Leben für das Kind. Viele dieser Kinder landeten in Waisenhäusern, einige wurden adoptiert. Oft stellten die örtlichen Priester Geburtsurkunden aus, was dazu führte, dass ihre Namen auf diesen Dokumenten auftauchten, obwohl sie nicht die leiblichen Väter waren. Dies stellt diejenigen vor Herausforderungen, die heute ihre Ursprünge erforschen.
Mit etwas Glück haben Sie den „willigen“ Priester an Ihrer Seite, der Zugriff auf alte Aufzeichnungen, Wissen über alte Geschichten oder gute Verbindungen zu anderen Glaubensbrüdern hat, die bei der Recherche helfen können. So erfuhren viele sogenannte Waisen der Kriegsjahre zum ersten Mal von ihrer wahren Herkunft und manchmal auch von der Geschichte ihrer Mutter oder ihres Vaters. Für viele ist es ein sensibles Thema. Nicht nur für die betroffenen Waisenkinder, sondern oft auch für ihre Nachkommen sowie für die Kirche. Als Übersetzer müssen Sie daher bei der Recherche sehr vorsichtig sein.
Einfühlungsvermögen und Vorwissen sind äußerst wichtig, um niemanden zu erschrecken. Schließlich braucht man gewisse Einsichten und Kenntnisse, um einem alten Dokument neues Leben einzuhauchen.
Aber das Wichtigste als Übersetzer ist, neugierig zu sein und sich für die Geschichte zu interessieren, bevor man überhaupt versucht, alte Dokumente zu übersetzen. Sie sollten die Geschichte eines Landes studiert haben und in der Lage sein, bestimmte Zusammenhänge zu verstehen und abzuleiten. Durch das kontinuierliche Studium alter Dokumente, Wörter, Redewendungen und bestimmter Ausdrücke, die zu der Zeit, als Sie sich vertraut gemacht haben, üblich waren. Wortforschung ist manchmal auch sehr hilfreich.
Schlußfolgerung
Alte deutsche Dokumente ins Englische zu übersetzen ist eine Herausforderung, aber machbar. Mit den richtigen Werkzeugen, Geduld und einem Verständnis für historische Zusammenhänge ist es möglich, eine präzise und kulturell sensible Übersetzung zu erstellen. In besonders komplexen Fällen ist es hilfreich, mit Experten, alten Dokumenten und Angehörigen zusammenzuarbeiten, um die Echtheit des Dokuments zu wahren.
Und ein persönlicher Ausflug zur nächsten Bibliothek oder zu anderen „Schatztruhen“, in denen alte Dokumente noch aufbewahrt werden, ist nützlich und unerlässlich.
All dies bedeutet aber auch, dass solche Dokumente nicht „schnell“ übersetzt werden können. Manchmal braucht der Übersetzer viel Zeit für Recherchen. Und nicht alle Informationen werden von Google preisgegeben.
Zu dieser Zeit gab es kein Internet, Computer oder Handys, was heute als normal gilt. Manchmal stand in den Büros neben dem Federkiel eine klapprige Schreibmaschine. Das war purer Luxus. Alles musste von Hand aufgeschrieben werden. Aber hier hat der Übersetzer in der Regel Glück, wenn die Tinte nicht verblasst und das Papier nicht vergilbt war: Es wurde großer Wert auf eine gute, lesbare Handschrift gelegt. Das war ein Privileg der Gebildeten.
Für mich als Übersetzerin ist diese Reise in die Vergangenheit herausfordernd, sehr interessant, aufregend und wichtig. Manchmal lassen sich viele Zusammenhänge in die Gegenwart übertragen und besser verstehen. Oft bekommt man eine andere Perspektive auf Dinge, erfährt interessante Geschichten, deckt ein kleines Geheimnis auf oder hilft einfach anderen Menschen, es genau zu wissen. Viele Menschen wollen einfach endlich die Wahrheit über ihre Herkunft oder die ihrer Vorfahren herausfinden.